Donau.Fluch&Segen in Ardagger Markt
Geschichten über „Gewinner und Verlierer“ an der Donau
Das junge Forschungsgebiet der Umweltgeschichte gibt für den Ardagger (NÖ.) Teil der Ausstellung den wissenschaftlichen Rahmen ab. Und so erzählt Prof. Dr. Verena Winiwarter im historischen Pfarrhof von Ardagger Markt mit ihrem Wissenschafterteam eine - wie sie sagt – „ganz andere Geschichte“ über die Umwelt an der Donau und über „Gewinner und Verlierer“ der letzten 300 Jahre.
„Jeder menschliche Eingriff in die Donau führt dazu, dass es Gewinner und Verlierer gibt.“ sagt die wissenschaftliche Leiterin über ihren Zugang zur Umweltgeschichte. „Kein Eingriff sei daher „gut“ oder „schlecht“, sondern es komme immer auf den Standpunkt an, so die Professorin Dr. Verena Winiwarter, die ihre Ausstellung mit Blickwechseln ‑ etwa vom Menschen zum Fisch, zum Auwald und zurück ‑ strukturiert.
„Verändert man die Naturlandschaft Donau, erzeugt dies erwünschte und unerwünschte Wirkungen. Gemeinsam mit den Besucherinnen und Besuchern spüren wir Nebenwirkungen auf. Wir zeigen, dass man aus der Geschichte der Nebenwirkungen für die Zukunft lernen kann, möchte Winiwarter mit einem insgesamt 6 köpfigen Wissenschafterteam für ihre Forschungsarbeit der letzten 1,5 Jahre, die in der Ausstellung gezeigt wird, begeistern.
Und sie erzählt dazu auch gleich einige Beispiele: Im 18. Jahrhundert war die Donau im Raum Ardagger voller Schifffahrtshindernisse. Die Donau und damit auch die tiefste Schifffahrtsrinne verlagerte sich immer wieder. Manchen Hindernissen gaben die Schiffer sogar Namen: der „Holler“ oder der „Saurüssel“ sind aus dem 18. Jahrhundert bekannt. Deswegen wurde die Donau reguliert. Die Regulierung hatte eine unerwartete Nebenwirkung: Die Schaffung neuer Schifffahrtshindernisse. Eines davon, der „neue Holler“ erwies sich als so gefährlich, dass es zu zahlreichen Havarien kam. Die Wracks führten zur Entstehung neuer Inseln, was wiederum die Schifffahrtslinie verschob. So ging und geht es oft, wenn Menschen in komplexe Ökosysteme intervenieren.
„Kraftwerke, die wir wegen der - jedenfalls auf den ersten Blick - sauberen Energie zu schätzen wissen, haben Nebenwirkungen.“ sagt die Wissenschaftlerin. Das Wasser wird in den Stauräumen ein wenig wärmer und bewegt sich weniger. Die Fischfauna verändert sich dementsprechend. Auch der Hochwasserschutz verwandelt den Fluss mehr als gewünscht. Er nimmt jenen Fischen, die zum Laichen auf Überflutungsräume angewiesen sind, ihre Kinderstube.
Anhand von zeitgenössischen Karten, von Reiseberichten, Plänen und Bildern aber auch aufgrund naturwissenschaftlicher Ergebnisse, die wir mit Fotografien, Modellen und Computeranimationen verbinden, wird die Umweltgeschichte der Donau im Raum Ardagger als eine Geschichte mit vielen Aspekten und Gesichtern erzählt.
Einen besonderen Platz in der Ausstellung nimmt sicherlich die Rekonstruktion des Flussraums seit dem 18. Jahrhundert ein. Der Geschichte der Hochwässer, der Schifffahrt und der historischen Nutzungen der Aulandschaft wird ebenfalls breiter Raum gewidmet. Und bei der Dokumentation der Donaufische gibt es auch Arten zu sehen, die heute nicht mehr in der Donau leben. Schließlich können - Dank der hervorragenden regionalen Kooperation - viele Objekte aus Privatbesitz gezeigt werden, die noch nie öffentlich zu sehen waren. Fotos, Bilder und kostbare Erinnerungsstücke aus abgesiedelten Häusern, ein Schiffspferdsattel, kostbare Karten aus den verschiedensten Archiven, Fischpräparate und Modelle der Regulierungsbauwerke werden in der Ausstellung für Abwechslung sorgen.
„Blickwechseln soll Spaß machen“, meint Ausstellungskuratorin Prof. Dr. Verena Winiwarter und lädt alle Donaufreunde, aber besonders die Kinder und Jugendlichen ein. „Denn für diese ist das Blickwechseln vielleicht gewohnter als für die Erwachsenen.“ Viele Kinderbücher erzählen nämlich aus der Perspektive eines Tieres oder einer Pflanze. Und ein solches Denken legen wir auch unserem für Österreich neuen Forschungsgebiet der Umweltgeschichte zugrunde. Eine innovative Ausstellung rund um die „andere Umweltgeschichte an der Donau“ zwischen Ober- und Niederösterreich ist zu erwarten.